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Harte Schicksale hinter Ustermer Gittern

Von Andreas Leisi. Aktualisiert am 25.07.2012

Das ehemalige Bezirksgefängnis Uster diente bereits als Drehort für einige Schweizer Filme. Geschätzt wird die einmalige Atmosphäre. In einem Fall sass der Protagonist tatsächlich dort ein.

(Bild: Archiv ZO/AvU)

(Bild: Archiv ZO/AvU)

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Mächtig kommt das ehemalige Bezirksgefängnis Uster ins Bild. Durch die langsame Kamerafahrt, die Totale der Einstellung und den Stacheldraht auf der Hofmauer wirkt das Gebäude bedrohlich und trostlos zugleich. Ein alter Ford-Lieferwagen fährt in das sich öffnende Tor. Im Innern spielt sich eine Ausbruchsszene ab. Während mehrere Häftlinge, von zwei Wärtern beaufsichtigt, den Lieferwagen mit Fussbällen beladen, stolpert ein Gefangener und lässt eine Kiste samt Inhalt fallen. Die Häftlinge kicken die Bälle johlend her­um, die Wärter schreien und pfeifen ordnend. Im anschliessenden Durch­einander verschwindet ein Gefangener unerkannt im Innern des Lieferwagens, der danach das Gefängnis verlässt.

Stressiger Dreh

Das ist die eine Szene des Films «Der Fürsorger», die im Ustermer Gefängnis gedreht wurde. In der anderen – chronologisch vorgezogen – sitzen zwei Protagonisten in einer dunklen Gefängniswerkstatt, fabrizieren Fussbälle, besprechen den folgenden Ausbruch, und der Südländer will vom Nordländer wissen, wieso dieser so viel Erfolg bei den Frauen habe.

«Der Fürsorger» wird von Roeland Wiesnekker gespielt, sein Gefängniskollege ist Leonardo Nigro, Regie geführt hat Lutz Konermann. Der 54-jährige deutsche Regisseur, der seit Langem in Zürich lebt, hat im Spätsommer 2008 in Uster gedreht, weil «das ehe­malige Bezirksgefängnis in der Filmszene den Ruf geniesst, für historische Stoffe geeignet zu sein». «Der Fürsorger» spiele in den siebziger und acht­ziger Jahren, so Konermann, und man habe Drehorte benötigt, welche diese Zeit widerspiegeln. «Dazu steht das Gefängnis leer, was den Aufwand und mögliche Anpassungen für einen Dreh natürlich vereinfachen.» Neben der Anbringung von einzelnen Gittern an Fenstern im Gefängnishof, welche die Gefängnis­atmosphäre unterstützt hätten, habe man auch den Stacheldraht extra für den Dreh auf der Mauer um den Hof installiert, so der Regisseur.

«Der Dreh in Uster war insgesamt sehr stressig», so Konermann weiter. «Wir konnten aus finanziellen Gründen das Gefängnis nur kurz mieten und mussten die beiden Szenen innerhalb eines Tages abdrehen.» Zudem sei vor allem die Ausbruchsszene komplex ­gewesen. «Es waren vier Schauspieler und diverse Statisten involviert. Dazu gab es viel Bewegung.» Man habe den ganzen Tag dafür aufgewendet und für die zweite Szene nur noch eine Stunde Zeit gehabt. «Nach zwei Takes war sie im Kasten. Während eines Drehs ist Nervenstärke und Vertrauen in alle ­Beteiligten und die Umstände gefragt», so Konermann.

Der Schauspieler Leonardo Nigro hat den Drehtag im Ustermer Gefängnis in bester Erinnerung, wobei er ­anmerkt, dass «durch die Umstände des Drehs mit der Technik, der Anwesenheit von Frauen im Filmteam und fröhlichen Mittagessen im Gefängnishof im Gegensatz zum fertigen Film die Gefängnisatmosphäre beinahe surreal wirkte». Die Rolle als Kollege des «Fürsorgers» hat Nigro gefallen: «Endlich ein Spielpartner, dessen Figur mehr Macho ist als meine.»

Holzhacken im Gefängnishof

Auch der Film «Meier 19» basiert auf einer wahren Schweizer Geschichte. Und bei diesem Film war der Drehort Uster zwingend, da der Detektiv der Stadtpolizei Zürich, Kurt Meier, tatsächlich eine Woche im Bezirks­gefängnis Uster einsass. Meier war wegen seiner Gerechtigkeitsfindung rund um den Diebstahl von Lohngeldern auf der Zürcher Polizeiwache 1963 in Ungnade gefallen und wegen Verleumdung verurteilt worden.

Der Regisseur Erich Schmid, der im ehemaligen Wohn- und Atelierhaus von Max Bill in Zumikon wohnt und mit dessen zweiter Frau verheiratet ist, hat den Stoff 2001 verfilmt, weil «Kurt Meier viel Zivilcourage hatte und Besonderes für die Gesellschaft geleistet hat». «Der Dreh im Gefängnis war wichtig, da ­Originalschauplätze bei Dokumentarfilmen auch Drehmomente für die Erinnerung sind. Dem Interviewten fallen vor Ort viele Dinge erst wieder ein.»

In Uster wurde eine Szene in einer Zelle und eine im Gefängnishof gedreht. Die Rückkehr ins Gefängnis, so der Regisseur, habe Kurt Meier «sehr hergenommen». «Er erinnerte sich in der Zelle beispielsweise daran, dass sein Richter gleichzeitig der Vater des Scheidungsanwalts seiner Frau war und der Gefängnisaufenthalt wohl absichtlich auf die Zeit der Scheidungsverhandlung gelegt worden sei.»

Die zweite Szene war im Gefängnishof, wo «Meier 19» während seiner Haft von morgens bis abends Holz ­gehackt hat, «um den Aufenthalt in ­diesem Loch zu überstehen», wie er im Film sagt. Und: «Bei jedem ‹Rugel› wurde mir bewusst, wer mich ins Gefängnis gebracht hat.»

Eine kurze Szene schliesslich, die im ehemaligen Gefängnis entstand, ist im Schweizer Fernsehfilm «Tod in der Lochmatt» zu sehen. Die Kommissarin (Bettina Stucky) hetzt dabei die Treppe zu den Zellen hoch und stellt entsetzt fest, dass der Tatverdächtige einen Selbstmordversuch gemacht hat und von der Sanität abtransportiert wird.

Holzgitter als Requisiten

Walter Frei, Objektleiter des leer stehenden Gefängnisses, war in alle Dreharbeiten involviert. So hatte er im «Tod in der Lochmatt» gar eine «auditive Rolle», indem er «mit den Schlüsseln raschelte und eine Zellentür abschloss». Dazu hat er sich amüsiert, wie die etwas übergewichtige Bettina Stucky achtmal die Treppe raufmusste, «sie hat am Ende ganz schön geschnauft».

Für «Meier 19» musste er einen Holzbock, Holzscheite und ein Beil besorgen, wie er sich erinnert. «Der Mann war bei den Dreharbeiten sehr niedergeschlagen.» Und beim «Fürsorger» war Meier beeindruckt, welchen Aufwand das Filmteam betrieben hat. «Nur der Aufbau dauerte drei bis vier Tage. Zwei Frauen des Teams machten nichts anderes, als die vielen Fenster zum Hof mit Holzgittern zu versehen. Dazu der Stacheldraht, der das Team extra hierher geschafft hatte.» Dieser Dreh habe am Wochenende stattfinden müssen, so Meier, da damals noch alle ­Gerichtssäle zum Hof gingen und ein Filmdreh den Ablauf in den Sälen gestört hätte.

Walter Meier muss bei Filmdrehs ­immer vor Ort sein. «Ich bin dann dafür besorgt, dass der Strom läuft, was bei Dreharbeiten ja wichtig ist.» Dazu gehörten alle sicherheitsrelevanten Aspekte zu seiner Aufgabe. Eine tragendere Rolle wolle er aber nicht spielen. Als die bekannte Moderatorin Eva Wannenmacher anlässlich des Fern­sehberichts auf «Kulturplatz» zu einer Kunstausstellung im Gefängnis ihn ausfragen wollte, habe er abgelehnt. «Ich war ja nicht dabei, als wirkliche Gefangene hier waren, und deshalb sage ich dazu auch nichts.» (ZO/AvU)

Erstellt: 25.07.2012, 19:36 Uhr

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