Marie Frei: Seit 57 Jahren fürs «Lädeli» da
Zur Person
Marie Frei führt in Hermatswil einen der letzten Dorfläden der Region. Die heute 81-Jährige zog mit 19 Jahren nach Hermatswil ins Zürcher Oberland, wo sie zuerst als Hilfskraft im Gasthaus «Eintracht» arbeitete. 1955 heiratete sie Paul Frei, einen Bauernsohn aus dem Dorf. Zur gleichen Zeit richtete sie in ihrem Haus den einzigen Laden in Hermatswil ein, den sie ohne Unterbruch bis heute führt. Marie Frei ist Mutter von drei erwachsenen Söhnen und Grossmutter von sieben Enkelkindern. Seit dem Tod ihres Mannes lebt sie allein in ihrem Haus mit angeschlossenem Laden. (rbr)
Doppelpass mit Marie Frei
Wenn ich den Laden einmal nicht mehr führe...
Marie Frei: ...will ich gesund bleiben und die freien Tagen geniessen. Grosse Ziele habe ich keine mehr.
Am Leben im Dorf gefällt mir...
...dass man in einer Gemeinschaft lebt, die Freuden und Sorgen miteinander teilt. Manchmal fühle ich mich aber auch gefangen, gerade weil jeder alles vom anderen weiss, alles sieht und hört.
An meiner Arbeit schätze ich vor allem...
...den Kontakt zu meinen Kunden, auch wenn das etwas lapidar klingt. Durch sie habe ich sehr stark am Dorfleben teilgenommen und allgemein viel über die Welt im Kleinen und Grossen erfahren.
Weil ich an den Laden gebunden bin, habe ich verpasst...
...zu reisen, fremde Länder zu entdecken. Heute bin ich zu alt dafür.
In meinem Laden findet man...
...alles, was es zum Leben braucht. Von Babynahrung bis zu Gartenerde, Nähzeug oder Unterwäsche.
Es lohnt sich, in meinem Laden einzukaufen, weil...
...ich fast alle Produkte selber ausprobiert habe. Ausserdem darf man auch mal klingeln, wenn der Laden schon geschlossen hat. (rbr)
Dossiers
Artikel zum Thema
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Die drei Äpfel, das Pack Mehl, die Seife und das Packpapier hat die Kundin bezahlt und in ihre Tragtasche aus Stoff verstaut. Mit der einen Hand hält sie bereits die Türfalle zum Ausgang. Noch aber geht sie nicht. Sondern erzählt: Von der Tochter, die jetzt einen neuen Freund hat, vom Sohn, dem das Velo geklaut wurde, vom Göttibub, der sich nie meldet.
Marie Frei steht hinter der Ladentheke und hört zu. Wie immer. Seit 57 Jahren. So lange führt sie den Dorfladen in Hermatswil, einem 120-Seelen-Dorf ob Pfäffikon. Im Dezember feierte sie ihren 81. Geburtstag. Gross gewachsen, schlank und sanft, lächelt Marie Frei der Kundin zu. Um sie herum Regale aus Holz, die eher spärlich gefüllt sind mit Ravioli-Dosen, Waschmittel, Herren-Unterwäsche, Schreibblöcken, Mandarinen, Karotten und Joghurt. Die Hände hat sie aufs Tischbrett gelegt. Den Kopf hält sie leicht nach vorne gebeugt, die Augen blicken offen und wach. Nur selten sagt Marie Frei selber etwas. Vielleicht kennt sie die Geschichte bereits. Und weiss darum, dass sie nochmals erzählt werden muss.
«Marie Frei ist für die Leute im Dorf wie ein Seelsorger», sagt Nadine Lüsser. Die junge Frau kauft selbst noch ab und an im Laden ein. Vor allem aber kommt sie vorbei für einen kleinen Schwatz. Selbst Marie Frei sagt: «Der Kontakt zu den Menschen ist der Grund, warum ich immer noch jeden Tag im Laden stehe.» Einen Laden, den alle nur «s’Lädeli» nennen – und den es ohne Marie Frei nicht mehr geben wird.
Noch gibt es Leute im Dorf, die auf ihn angewiesen sind. «Ich bin sehr froh, nicht wegen jedem Joghurt mit dem Postauto nach Pfäffikon fahren zu müssen», sagt Martha Gubler, eine ältere Bauernfrau. Auch sie streicht die soziale Bedeutung des «Lädelis» und seiner Besitzerin heraus: «Bei Marie kann man auch mal sein Herz ausschütten. Sie weiss viel über die Leute im Dorf – behält aber alles stets für sich.»
Aufgewachsen ist Marie Frei auf einem Bauernhof an der Grenze zu Deutschland, im Dörfchen Buch im Kanton Schaffhausen. Wie damals üblich machte sie als junge Frau keine Lehre, sondern half zu Hause mit. Nebenbei verdiente sie sich ein eigenes Einkommen als Haushaltshilfe, Köchin oder Geburtshelferin in den umliegenden Dörfern.
So gelangte sie als 19-Jährige auch nach Hermatswil ins Zürcher Oberland. Die Bekannte einer Verwandten führte dort mit ihrem Mann den Gasthof «zur Eintracht». Eine stille Schafferin konnte man immer gebrauchen. Zu Fuss marschierte die junge Marie vom Bahnhof Wila hoch in die Pfäffiker Aussenwacht. «Ich konnte nicht glauben, dass da überhaupt noch so etwas wie ein Dorf kommt», erinnert sich Marie Frei an die erste Begegnung mit ihrer neuen Heimat, aus der man sie heute nicht mehr wegdenken kann.
Im Wirtshaus arbeitete sie als «Mädchen für alles», servierte, putzte und half in der Küche. Dabei lernte sie auch ihren Mann kennen, den Bauernsohn Paul Frei. Gemeinsam zogen sie in ein typisches Oberländer Flarzhaus – mitten im Dorf, direkt gegenüber der «Eintracht».
Dort richtete Marie Frei den Dorfladen ein; durch eine Tür gelangt man von der Stube direkt ins Ladenlokal. Eine Klingel rief sie von der Hausarbeit zu den Kunden. «Die ersten beiden Jahrzehnte waren sehr streng», erzählt Marie Frei. Der Mann arbeitete in Turbenthal, sie zog drei Söhne gross, schmiss den Haushalt und führte den Laden. Manchmal packte sie das Fernweh, am liebsten wäre sie losgezogen oder zumindest auf eine Reise gegangen. Die Verhältnisse liessen es nicht zu. Oder wie Marie Frei heute sagt: «Das hat man damals einfach nicht gemacht.»
Dennoch blieb das Reisefieber, die Lust auf Neues, ein fester Teil von ihr. Noch heute geht Marie Frei mit auf die Ausflüge des Frauenvereins, singt im Chor oder besucht die Erzählnacht des Hermatswiler Kulturvereins. Am meisten aber stillte sie ihre Sehnsüchte an den Erzählungen ihrer Kunden. «Berichtet jemand von seinen Erlebnissen in einem fremden Land, fühle ich mich, als wäre ich selbst dabei gewesen», sagt Marie Frei. «Ich höre zu, nehme teil, mache mir meine Gedanken und lasse mich ganz einfach treiben.»
Der Laden ist ihr Leben. «Er ist für Marie selbst heute genauso wichtig wie fürs Dorf», sagt Verena Gubler, die ehemalige Wirtin der «Eintracht». Das weiss auch die 81-Jährige. Schon oft hat sie gesagt, sie würde bald aufhören, und es dann doch nicht getan. «Mir fällt nur schon die Vorstellung schwer, dass ich einmal selber Früchte, Teigwaren oder Waschmittel einkaufen muss.»
Gewinn wirft ihr «Lädeli» längst nicht mehr ab – im Gegenteil. Marie Frei ist selbst ihre beste Kundin und richtet ihren Menüplan nach dem Ablaufdatum der Lebensmittel. Trotzdem will sie noch eine Weile weitermachen. Bis im Sommer. Bis irgendwann. Solange die Gesundheit es zulässt. Zum Abschied, das weiss sie jetzt schon, soll es ein Fest geben. «Irgend etwas will ich noch bieten: Nur etwas Kleines, ein paar Bänke und Tische vor dem Haus, für die Leute aus dem Dorf.» Für einmal wird dann wohl sie im Mittelpunkt stehen. Auf ihre Weise. Die Gäste werden in Erinnerung schwelgen und all die Geschichten über «s’Lädeli» und ihre Besitzerin erzählen. Und Marie Frei wird da sitzen, schlank und sanft, und zuhören. (ZO/AvU)
Erstellt: 16.01.2012, 18:31 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:

Bitte warten

