Bezirk Hinwil
Olga Manfredi: Chancengleichheit von Menschen mit Behinderung
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Zur Person
Olga Manfredi ist Juristin und sitzt seit einem Unfall im Jahr 1994 im Rollstuhl. Im Januar feierte sie ihren 46. Geburtstag. Die Paraplegikerin setzt sich als Geschäftsleiterin der Behindertenkonferenz Kanton Zürich und Präsidentin des auf nationaler Ebene tätigen Gleichstellungsrates Égalité Handicap für die Gleichstellung und Chancengleichheit von Menschen mit Behinderung ein. Im Rahmen dieser Tätigkeiten nimmt sie auch Einsitz in verschiedenen Kommissionen, um dort bei unterschiedlichen Themen die Interessen von Menschen mit Behinderung zu vertreten. Sie wohnt gemeinsam mit ihrem Partner in Wald, wo sie auch ihre Wurzeln hat.(mm)
Doppelpass mit Olga Manfredi
Das Zürcher Oberland ist...
... meine Heimat.
Meine besten Freunde bezeichnen mich als ...
... (überlegt lange) ich bin für sie ganz einfach Olga.
Mein Rollstuhl ist für mich ...
...eine Selbstverständlichkeit und Alltag.
Wenn ich nochmals 20 Jahre alt wäre, würde ich ...
...vieles anders machen, aber sicher noch einmal Jura studieren.
Wenn ich nur drei CDs auf eine einsame Insel mitnehmen dürfte, wären das...
...«Shaday» von Ofra Haza, «Baro» von Habib Koité&Bamada und «Mozart Lives» von Friedrich Gulda. Mit allen drei verbinde ich schöne Erinnerungen.
Das letzte Konzert, das ich besucht habe, war...
...das Hidden-Air.
In naher Zukunft plane ich...
...ein geeignetes Haus zu finden und danach den Umzug.
Für die chancengleichheit für Menschen mit Behinderung setze ich mich ein weil...
...ich das aus tiefster Überzeugung als Menschenrechtlerin mache. Ohne gleiche Chancen keine faire Gesellschaft.
Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es...
...eine gesunde Portion naiven Optimismus, Herzblut, Mut, Durchhaltewillen, Kreativität und Menschenliebe. Man muss auch dafür kämpfen. (mm)
Wenn Olga Manfredi von Wald spricht, dann kommt sie ins Schwärmen. «Das Dorf hat etwas Spezielles an sich, es hat Charakter.» Und sie muss es wissen, wohnt sie doch schon praktisch ihr ganzes Leben in der Oberländer Gemeinde. «Ich bin ein Walder Aboriginee», sagt sie und lacht. Als zweitjüngstes von acht Kindern einer Bauernfamilie auf dem Hittenberg aufgewachsen, lernte sie schon früh mit anzupacken. Eine Fähigkeit, die sie sich bis heute bewahrt hat: «Es ist wichtig anzupacken, auch im Wissen darum, dass Fehler passieren können. Man kann aber aus diesen lernen und viele Sachen verbessern.»
Für Verbesserungen setzt sich Manfredi fast täglich ein. Seit rund fünf Jahren ist die Juristin Geschäftsleiterin der Behindertenkonferenz Kanton Zürich (BKZ), der Dachorganisation von Organisationen und Institutionen für Menschen mit Behinderung und Menschen, welche direkt oder indirekt von Behinderung betroffen sind. Zudem präsidiert sie den sechsköpfigen Gleichstellungsrat Egalité Handicap. In Zusammenarbeit mit Ämtern und Politikern setzt sie sich auf kantonaler und nationaler Ebene unter anderem für behindertenpolitische Interessen ein und engagiert sich für die Gleichstellung und Chancengleichheit von Menschen mit Behinderung.
Raum für Verbesserungen gebe es in vielen Bereichen noch mehr als genug. «Auch wenn sich für Menschen mit Behinderung seit Mitte der 1990er Jahre schon einiges zum Guten entwickelt hat, stossen sie im Alltag noch viel zu oft auf Hindernisse», so Manfredi. Das weiss sie auch aus eigener Erfahrung. Denn seit einem Unfall ist sie seit rund 17 Jahren auf den Rollstuhl angewiesen.
Ein Sturm fegte übers Oberland, als Manfredi 1994 als Mitorganisatorin des «Schlauer Bauer»-Openairs in Wetzikon in einem der grossen Zelte Absperrbänder sortierte. Eine Böe knickte eine Baumspitze, die durch das Zeltdach krachte und die damals 29-Jährige unter sich begrub. Seither ist sie vom letzten Brustwirbel an abwärts gelähmt. «Vom Unfall selber weiss ich praktisch nichts mehr», sagt Manfredi. «Das Hirn löscht dir solche Schock-Traumas und das ist auch gut so.» Die Diagnose der Ärzte überraschte sie nicht. «Ich habe sofort gewusst, was los ist, aber nicht, was danach alles auf mich zukommt.»
Plötzlich musste sie sich mit einer völligen neuen Rolle in ihrem sozialen Umfeld auseinandersetzen. «Alle fassen dich mit Samthandschuhen an, wollen nett zu dir sein, das war schon etwas komisch», erinnert sie sich. Nach einer sechsmonatigen Reha im Paraplegikerzentrum Balgrist begann für Manfredi der neue Alltag.
Sie habe versucht, vieles so zu machen wie vor dem Unfall. «Du siehst dich aber mit vielen offenen Fragen konfrontiert: Wie komme ich mit dem Rollstuhl in die Wohnung, wie putze ich, in welchem Geschäft kann ich einkaufen, bei welchem Coiffeur komme ich überhaupt rein, wie lerne ich wieder ein Auto zu fahren?» Jede neue Entdeckung zur Lösung solcher Probleme sei eine «kleine Sensation», sagt Manfredi. «Zwei Jahre lang bin ich nicht vom Fleck gekommen.»
Auch wenn sie es zu Beginn nicht wahrhaben wollte, sagt sie heute rückblickend: «Es braucht etwa zehn Jahre, bis man sich an das Leben im Rollstuhl gewöhnt hat. Das war auch bei mir nicht anders.»
Am meisten Mühe hat sie noch immer mit Situationen im Alltag, in denen ihr wildfremde Menschen ihre Hilfe quasi aufzwingen wollen. Sie macht ihnen keinen Vorwurf. Es ist ihr aber ein grosses Anliegen etwas gegen diese «Knöpfe in den Köpfen» vieler Leute zu machen, sobald sie auf einen Menschen mit Behinderung treffen. «Ich will nicht ständig auf meine Behinderung reduziert werden.»
Um solche Barrieren abzubauen, sei es wichtig, dass beide Seiten aufeinander zugehen. Dabei seien kreative Ansätze gefragt. «An der Eröffnung der Glattalbahn liessen wir die Leute in einen Rollstuhl sitzen und über Hindernisse fahren, wie wir sie jeden Tag antreffen», erzählt Manfredi. «Solche spielerischen Interaktionen fördern das gegenseitige Verständnis.»
Der Schalk blitzt immer wieder in ihren Augen auf, auch wenn sie über ernste Themen spricht. Olga Manfredi ist eine Frohnatur, mit dem Schicksal hadern mag sie nicht. Auch wenn sie auf schwierige Situationen trifft. So sind sie und ihr Partner derzeit dringend auf der Suche nach einem neuen Zuhause. «Etwas Langfristiges und Bezahlbares zu finden, ist als Rollstuhlfahrerin nicht einfach.» Aber sie lässt sich nicht entmutigen. Sie sei halt eine naive Optimistin, die sich immer sage: «Es chunnt scho guet.» (ZO/AvU)
Erstellt: 17.11.2011, 20:19 Uhr
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